Carpe Virtus!
„Carpe Virtus!“ habe ich eine Serie von Malereien genannt, welche sich teilweise in der Motivwahl, der Düsternis des Sujets und dem der bühnenartigen Situation angepassten Panoramaformat überschneiden. Während eines Aufenthalts in Rotterdam 2007 habe ich das erste der Gemälde begonnen und in Berlin fertig gestellt.
Virtus ist eine römische Kardinalstugend und steht für Tapferkeit und militärische Stärke. Bei den Gladiatoren steht sie sogar für deren physische und psychische Fähigkeit, bis zum Tode zu kämpfen. “Carpe Virtus” ist eine Abwandlung von Carpe Diem (Nütze, wörtlich „pflücke“, den Tag).
Ausgangspunkt der Gemälde ist die „Prima idea“ im Dialog mit einem sich ständig erweiternden Bilderarchiv. Mein Bilderarchiv besteht aus einer Sammlung von Motiven, welche von Zeitschriften, von gesammelten Party-Flyern, aus Bildern vom Internet und von eigenen Fotoaufnahmen stammen können. Diese Sammlung veranschaulicht bereits mein Interesse an trivialen Motiven, dem stereotypen (Schein-) Glamour der Werbeästhetik und deren moralischen Überschreitungen. Mich interessiert das abgebildete Klischee-Bild der Frau, wobei der weibliche Körper als Hülle plus Vermarktungsstrategie definiert wird. Im Gemälde „Tod und Firlefanz“ wird diese weibliche Hülle als leeres, goldenes Kleid dargestellt.

Outopia Escapade | 2007/08
Die Grundidee des Bildes vor allem der zweiten Arbeit „Outopia Escapade“ ist ein imaginärer, phantastischer Friedhof, auf dem die sexy Werbefrauen in der Begegnung mit Grabfiguren des 19. Jahrhunderts ebenfalls zu Stein erstarrt sind.
Wichtig in diesem Zusammenhang ist mir der Trompe-l’œil-Effekt, wobei das Bild zumindest teilweise in seiner Funktion der täuschenden Nachahmung von Realitätgesehen wird – ein Verweis auf die Augentäuschung als alte Macht der Kunst. Verblüffend die Darstellung von Relief in den Grisaillen von Gerard de Lairesse (1640- 1711), auf die ich in der ersten Arbeit Bezug nehme. Durch die Grau- und Brauntöne findet eine Harmonisierung von disparaten Einzelmotiven statt, v.a. eine Egalisierung von lebendigen und toten Bildgegenständen.
Das vierte Bild der Serie „Vorübergehende Siege“ stellt eine Mauer dar. Formal verläuft die Mauer bildparallel, was darauf hinweist, dass es auch um die Nachahmung einer Burg-Mauer geht. Eine illusionistische Nische enthält eine Art Vanitas- Stilleben, während der Rahmen der Nische und in die Mauer eingelassene Epitaphe mit weiblichen Motiven bestückt sind.
Wichtig sind mir mehrere Interpretationsebenen, da sie es zulassen zu mannigfaltigen Schlüssen zu kommen. Schließlich geht es mir in der „Carpe Virtus!“- Serie um die Neuinterpretation und Vertauschbarkeit von symbolischer Bedeutung bzw. die Gleichzeitigkeit von Bedeutungen in ein und demselben Motiv. Dies geschieht vor allem durch Kontext-Verschiebung und die Konfrontation von gegensätzlichen Motiven. Bei klischeehaften Vorlagen finde ich es spannend, die Herkunft dieser Motive aufzuzeigen, diesen jedoch zusätzlich einen neuen Inhalt zu geben. Aus den Konfrontations-Situationen in einem bühnenartigen Bildraum fügen sich die Einzelmotive zu einem sinnbildhaften Ganzen zusammen – es entstehen allegorische Gleichungen zum Realen. Die Anhäufung der Motive dient der Herstellung eines komplexen Querverweise- Systems, welches assoziativ aufgebaut wird. Es handelt sich gleichzeitig um einen Prozess der Aussortierung, welcher zu der Lösung in Form einer neuen Bilderfindung führt. Wie bei klassischen Historienbildern versteckt sich der eigentliche Inhalt der Gemälde hinter einem ganzen Arsenal von Staffagen, leeren Hüllen und irreführenden Symbolen.
Die Tendenz zum Negativen, gar zum Widerstand (Carpe Virtus!) ist der Serie zugrunde gelegt. Die intendierte Härte findet immer wieder gemeine Aussagen, die sich der leichten Lesbarkeit zunächst entziehen: Ist es eine Party oder ein Totentanz, ein Traum oder ein Trauma? Der Tod in der Gestalt eines oder mehrerer Skelette hat die Funktion eines Schauspielers, der in unterschiedlichste Rollen schlüpft. Die Enge des Bildraums ist eine weitere Gemeinsamkeit der Serie, sie steht für das Ausweglose.
Die Nähe zum Vanitas-Gedanken drängt sich auf, angesichts der heutigen Konsumverlockungen und eines etablierten Materialismus, wie er gerade im HipHop zum Ausdruck kommt. Speziell im Gangsta Rap ist der Tod allgegenwärtig und trifft auf einen extremen, weil identitätsstiftenden Materialismus.Im barocken Weltbild, wo der Vanitas-Gedanke seinen Höhenpunkt erreicht, wird der Blick auf das Jenseits gerichtet und alles Streben im Diesseits als eitel bis absurd beschrieben. Jedoch ist die Antithese ein wichtiges Element des Barocks: so steht dem Jenseitigen und Vergehenden die Darstellung des prallen Lebens gegenüber (Memento mori und Carpe diem). Auch führt der Kontrastreichtum und die Neigung zum Extremen zu einer Unausgeglichenheit und steten Irritation der zugrunde liegenden Haltung bzw. Aussage. Eine wichtige Rolle bei barocken Vanitas-Motiven spielt das Paradoxon, dass das Vergängliche als perfekte Illusion dauerhaft festgehalten ist.
Anspielungen auf die Jugendkultur, Luxus und sexuelle Freizügigkeiten stehen in meinem Werk dem Thema Tod gegenüber. Eine zentrale Antithese in meiner Arbeit ist die zwischen Triumph und Niederlage und ich begreife meine Werke als Schlachtfelder, auf denen ein ewiger Kampf tobt.
Bei dem dritten Gemälde „Triumph des Equilibrium“ bin ich von einer Soldatenverherrlichung ausgegangen, wobei der ursprüngliche Soldat selbst zum Tod wird. Im Bildzentrum agierend ist der Soldaten-Tod eine Waage zwischen der Faust links und der Hand rechts, gefoltert mit Nägeln. Diese symbolische Konstellation steht sinnbildlich für die stetige Suche nach dem Gleichgewicht zwischen dem Kampf – dem Aktiven – auf der einen und dem Dulden – dem Passiven – auf der anderen Seite. Andere Motive dienen der Verstärkung der Allegorie, wie zum Beispiel der Richtplatz im linken Hintergrund, oder die Stretchlimousine, welche für Übertreibung und Exzess steht. Das jubelnde Groupie im Vordergrund „entlarvt“ das Treiben als theaterhafte Show.
Ein übersteigerter Formwille hat das barocke Zeitalter geprägt. Dieser führt zur dauernden Synthese der unterschiedlichsten Elemente und jener ständigen Antithese zwischen dem Jenseits und der Lebenslust und Gier nach materiellen Gütern (als letztem Halt). Auch neigt dieser Wille zur Form zur Überladung und Effekthascherei (Schwulst). Teilweise wird die eigentliche Botschaft von den überbordenden Mitteln der Darstellung, dem theatralischen Spektakel, geradezu überdeckt. Das Kritisierte selbst bildet den Rahmen bzw. steht im Mittelpunkt der Darstellung.
Ich würde es als „Masse des kritischen Konstrukts“ bezeichnen, die Anhäufung von Motiven, welche Bereichen der Unmoral entnommen sind. Durch ihre Darstellung aber erfahren sie eine Art Rechtfertigung, da das Negative der kritischen Beleuchtung dargeboten wird bzw. sie in den Dienst einer guten Botschaft gestellt werden. Dieses Konstrukt bewusst einzusetzen, welches sich in meinem Werk aus modernen und alten Motiven zusammensetzt, ist ein wichtiges Mittel meiner Kunst. Das Konstrukt hat ebenso die Aufgabe zu unterhalten wie zu irritieren und es ist teilweise eine Reminiszenz an die Geschichte der Malerei, wobei ich mich keinem eindeutigen Genre bediene. Zwar wird mittels des Konstruktes eine allgemeine Aussage getroffen, dennoch muss diese angesichts der Jetztzeit gebrochen dargestellt werden. Dieses ist die Wechselwirkung zwischen der Aussage und der Gegenwart im bewussten Umgang mit der Vergangenheit.
Zurück zum Streben nach Form. Dieses beinhaltet auch die Suche nach immer neuen Ausdrucksmitteln, sowie die Beschäftigung mit Wahrnehmung. So wird den Betrachtern meiner Werke zwar Einiges geboten, jedoch im Gleichgewicht zu Inhalten, die der Betrachtung entzogen sind, sei es dadurch, dass sie nur versteckt auftauchen, extrem dem Bildmittelpunkt entrückt, verzerrt oder erst gar nicht dargestellt werden. Ebenfalls spielen Muster eine wichtige Rolle, da sie in der Repetition einer Form Ausdruck für Macht, Stärke und Dynamik sind.
Wahrheit.Schönheit.Gleichung. heisst die fünfte Arbeit, wobei der Titel bereits die „mathematische Ordnung“ einer solchen Bilderfindung unterstreicht.Die zentralen Bildinhalte finden an den beiden Außenseiten statt. In der Mitte des Bildes schaut der Betrachter auf den Rücken eines Mönches (kein Mitglied vom Ku-Klux-Klan), welcher seinerseits ein Feuer betrachtet. Dagegen „blickt“ der Schädel neben ihm aus dem Bild heraus, wie auch der Schädelhaufen eine Art aus dem Bild herausblickendes Publikum formiert. Hier sind wir bei dem Grundthema des Bildes der Wahrnehmung bzw. der Unmöglichkeit und Vermeidung der Wahrnehmung, wie bei den drei Affen auf der gläsernen Blase. Anlass des Bildes waren jedoch zuerst die selbst referenziellen Bezüge und hierbei vor allem, die Integration von bereits real ausgeführten dreidimensionalen Objekten in eine Bildwirklichkeit. Innerhalb dieser Bildwirklichkeit erhalten diese Objekte einen Zweck bzw. werden sie in irgendeiner Form benutzt, wie zum Beispiel das Zikkurat als Sitzgelegenheit.
Die Vorstellung von der Welt als Theaterbühne („Theatrum mundi“) entstand im Barock. Dass, das barocke Trauerspiel, im Unterschied zur antiken griechischen Tragödie nicht den Mythos, sondern die Geschichte behandelt und als permanenten Verfall darstellt (Walter Benjamin), zeigt die Hinwendung zum Realen. Gleichzeitig erinnert die barocke Malerei, gerade auch in ihrer illusionistischen Ausweitung realer Räume, an prunkvolle Theaterdekorationen.Die Verwandtschaft der „Carpe Virtus!“- Serie mit imaginären Theaterbühnen weist hin auf das Allegorische und Gleichnishafte des Dargestellten. Dennoch ist es mir wichtig zumindest Fragmente der Realität mit einzubeziehen und auf Gegenwärtiges hinzuweisen. Das Narrative wird dabei unterlaufen. Es zeigt sich ein Wille zum Überblick, zur äußeren Betrachtung, da mittels der Bühnensituation auch Distanz aufgebaut wird. Außerdem ist es mir möglich, Grenzen der Kunst innerhalb eines Bildgefüges auszuloten, so dass, das Kippen ins Unmögliche bis Lächerliche (in den Wahnsinn!) von der Bildkonstruktion aufgefangen wird. Dies schafft mir eine größtmögliche Freiheit bei der Integration von unterschiedlichen Motiven.
Neben den kunstgeschichtlichen Einflüssen sind es einige Vorbilder aus der modernen Populärkultur, mit denen ich aufgewachsen bin, die in meine Arbeit einfließen. Hierbei spielen amerikanische Serien aus den 1980er und 90er Jahren eine wichtige Rolle. Schließlich prägten sie das Bild eines Filmhelden, umringt von schönen Frauen und schnellen Autos. Ich verwende gerne triviale Bildvorlagen, um ihnen Dauerhaftigkeit und Mehrdeutigkeit zu verleihen. Auch um zu sehen, wie die Welt, aus der diese Bilder stammen – wie der Mainstream – mit meiner inneren Wahrnehmung kollidiert. Die Integration von medienüblichen Stilmitteln (Sex & Gewalt) geschieht ebenso natürlich, wie die Anknüpfung an die Kunstgeschichte.
Zuerst ist es die figurative Malerei selbst, welche allgemeine Verständlichkeit suggeriert. Aber es folgt die Enttäuschung, da sich die Gemälde einer schnellen Lesbarkeit geradezu widersetzen, durch die Anhäufung gegensätzlicher Motive, deren Mehrdeutigkeit und Veränderung. Wer es schafft die erste Hürde – die der scheinbaren Oberflächlichkeit – zu nehmen, findet dahinter ein weites Feld der Interpretation.
A.T.